Archive (kurz:erklärt)

In Archiven werden Schriftstücke, Dokumente und andere Zeugnisse aufbewahrt. Sie dienen z. B. der Verwaltung eines Staates in der Gegenwart oder werden als Speichergedächtnis für die Nachwelt genutzt. Aufgrund unterschiedlicher Ziele und Funktionen von Archiven wird deren Inhalt stets durch bestimmte Auswahlkriterien der betreibenden Institution bestimmt. Daher weisen seit dem ausgehenden 20. Jh. die Kulturwissenschaften zunehmend darauf hin, dass Archive kein neutrales, repräsentatives, sondern ein lückenhaftes und verzerrtes Abbild der Gesellschaft widerspiegeln.

Archive der westlichen Welt sind geprägt von patriarchalen Strukturen. Benachteiligte Gruppen wie z. B. Frauen, queere oder Schwarze Menschen sind verhältnismäßig wenig sicht-bar. Insbesondere mehrdimensional diskriminierte Gruppen (z. B. Schwarze Frauen) sind deutlich unterrepräsentiert. Diese Schieflage erklärt sich u. a. daraus, dass seit der Antike v. a. schriftliche Zeugnisse Eingang in Archive fanden, die Schriftkultur aber vorrangig Männern in Machtpositionen zugänglich war. Zudem blieb bis ins 19. Jh. bestimmten Teilen der Gesell-schaft die Teilhabe am öffentlichen Diskurs sowie der Zugang zu Bildung, Politik oder Reli-gion weitgehend verwehrt. Daher versuchen seit den 1970-er Jahren verschiedene Akteure wie die Frauenbewegung, Postcolonial oder Queer Studies die Darstellungslücken klassischer Archive durch alternative Praktiken der Geschichtsschreibung zu ergänzen. Sie gründeten eigenständige, oft nichtstaatliche Themenarchive und setzten sich für die Verwendung neuer Informationsträger wie mündliche Überlieferungen oder alltägliche Gebrauchsgegenstände ein.

Die Digitalisierung birgt die Chance vereinfachter Zugriffsmöglichkeiten auf Archive, sofern Bestände digitalisiert vorliegen. Dennoch bleibt die Problematik des verzerrten gesell-schaftlichen Abbilds auch im digitalen Zeitalter aktuell.