• Alexander Geimer

Dekonstruktion der Sex-Gender-Differenz

Die begriffliche Unterscheidung von Geschlecht als biologisches Faktum (Sex) sowie anderseits als Produkt kultureller und sozialer Prozesse (Gender) geht auf Arbeiten zur Transsexualität in den 60ern (Stoller 1968) zurück. Der feministische Diskurs griff die Unterscheidung auf und begriff sie in einem ‚antibiologistischen‘ Sinne: Soziale Ungleichheiten wurden nicht auf biologisch-körperliche Unterschiede zurückgeführt, wie die Theorien und Alltagsannahmen über ‚Geschlechtscharaktere‘, und die ‚Natur‘ oder das ‚Wesen‘ von Frauen und Männern postulierten (vgl. Bührmann 1995), sondern auf das kulturelle Geschlecht und die Organisation der Gesellschaft. Während die Sex-Gender-Unterscheidung der feministischen Argumentation dienlich war und auch die öffentliche Diskussion über ‚Geschlechtsunterschiede‘ fruchtbar prägen konnte, so ist sie erkenntnistheoretisch nicht haltbar. Die Unterscheidung impliziert, dass es ein biologisches Substrat der Geschlechterdifferenz gäbe, welches kulturellen Unterscheidungen stets vorgängig wäre. Dieser „latente Biologismus“ (Gildemeister / Wetterer 1992: 207) ist lediglich die Verlagerung einer Naturalisierung der Geschlechterdifferenz (vgl. Gildemeister 2000: 66). Dass ein kulturfreier und wertneutraler Blick auf ‚biologische Fakten‘ der Geschlechterdifferenz nicht möglich ist, sondern die Natur stets durch die ‚Brille‘ der Kultur gesehen wird, haben insbesondere wissenschaftshistorische Arbeiten (vgl. Schiebinger 1995, Laqueur, 1990) nachweisen können. Ebenso zeigten bereits Kessler/McKenna in ihrer Studie „Gender. An ethnomethodological Approach“ (1978), dass das Finden von Geschlechtsunterschieden in den Diskursen der Ethnologie, Biologie und Medizin sowie Psychologie eine Praxis der Geschlechterunterscheidung ist – und nichts über essentielle Unterschiede zwischen Männern und Frauen aussagt. [1]

 

Literatur:

BÜHRMANN, Andrea D.: Zwischen Skylla und Charybdis? Anmerkungen zur Diskussion über die soziale Konstruktion von Zwei-Geschlechtlichkeit In: Kneer, G. / Kraemer, K. / Nassehi, A. [Hg.]: Soziologie: Zugänge zur Gesellschaft, Bd. 2, Hamburg 1995, S. 31-48.


GILDEMEISTER, Regine / WETTERER, Angelika: Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zwei-Geschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung In: Knapp, G-A [Hg.]: Traditionen Brüche: Entwicklungen feministischer Theorie. Forum Frauenforschung, Freiburg / Breisgau: Kore Verlag 1992, S. 201-254.


GILDEMEISTER, Regine: Soziale Konstruktion von Geschlecht: Fallen, Mißverständnisse und Erträge einer Debatte In: Rademacher, C./Wiechens, P. [Hg.]: Geschlecht, Ethnizität, Klasse. Zur sozialen Konstruktion von Hierarchie und Differenz, Opladen 2000, S. 65-90.


KESSLER, Suzanne J. / MCKENNA, Wendy: Gender. An ethnomethodological approach, New York: Wiley 1978.


LAQUEUR, Thomas: Making Sex. Body and Gender from the Greeks to Freud, Cambridge: Harvard University Press, 1990 (dt. 1992: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud)


SCHIEBINGER, Londa: Am Busen der Natur. Erkenntnis und Geschlecht in den Anfängen der Wissenschaft, Klett-Cotta: Stuttgart 1995.


STOLLER, R.J.: Sex and gender: The development of masculinity and femininity. New York: Aronson, 1968.


Zitationsvorschlag:

Geimer, Alexander (2005). Dekonstruktion der Sex-Gender-Differenz. In A. G. i. d. E. Freie Universität Berlin (Hrsg.), Glossar Geschlechterforschung. Verfügbar unter http://userpage.fu-berlin.de/~glossar/

 

Dr. Alexander Geimer

  • geb. 23.06.1977

  • Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Rehabilitationswissenschaften, Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Sehens

  • Arbeitsschwerpunkte/Forschungsinteressen: Subjektivierungs- und Bildungsforschung, Medienpädagogik und Mediensoziologie, Cultural, Gender und Disability Studies

  • alexander.geimer@hu-berlin.de, http://www.alexander-geimer.de/

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Wie Kessler/McKenna (1978) verstehen West/Zimmerman in ihrem Aufsatz „Doing Gender“ (1987) Geschlecht nicht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal, das sich lediglich in Denken, Fühlen und Ha

Die Grundlagen der Ethnomethodologie lassen sich als harsche Kritik der Sozial- und Kulturwissenschaften verstehen: Diese sind nach Harold Garfinkel, dem Begründer der Ethnomethodologie, ‚nur‘ ein Dis

Garfinkel untersucht in seiner Transsexuellenstudie über ‚Agnes‘ die Praktiken der alltäglichen interaktiven Produktion des Geschlechts. Ähnlich wie in seinen Krisenexperimenten beobachtet er auch hie