Raum (kurz:erklärt)

Der Begriff Raum bezeichnet neben physischen Orten auch abstrakte Konstruktionen wie einen Rechts- oder öffentlichen Raum. In den Sozialwissenschaften entstanden diesbezüglich insbesondere seit den 1970-er Jahren unterschiedliche Erklärungsmodelle. Mit dem sog. relativistischen Raumkonzept begann man zu untersuchen, inwiefern sich Gesellschaftsordnungen, Machtverhältnisse und soziale Praktiken im Raum bemerkbar machen. Das sog. relationale Raumkonzept unterstreicht die dabei entstehende Wechselwirkung: Bestehende Ordnungs-strukturen bilden sich im Raum ab, im Gegenzug beeinflusst die Beschaffenheit des Raumes wiederum gesellschaftliche Ordnungen. Räume sind also sozial wirkmächtig, diskursabhängig wie auch diskursbestimmend.

Der Zugang zu bzw. die Sichtbarkeit in Räumen hängt von Kriterien wie Geschlecht, Ethnizität, Religion oder Alter ab. So werden z. B. Frauen in patriarchalen Gesellschaften strukturell aus der Öffentlichkeit, dem Bildungssystem oder dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Da Sichtbarkeit die Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennung ist, reagierte die zweite Frauenrechtsbewegung mit der Inanspruchnahme von Öffentlichkeit und der Formulierung von Gegenentwürfen. Es wurde verdeutlicht, dass Themen wie Sexualität, Abtreibung oder häusliche Gewalt von allgemeiner Relevanz seien und nicht mehr der alleinigen Deutungshoheit des privaten Raumes unterstehen dürften. Um Emanzipationsprozesse voranzubringen wurden darüber hinaus Räume geschaffen, die ausschließlich Frauen zugänglich waren – z. B. Freizeitangebote nur für Mädchen* oder Frauen*.

Die räumliche An- oder Abwesenheit bestimmter Personen kann zudem zur Verbreitung einer spezifischen Atmosphäre beitragen, wodurch sog. Angsträume entstehen können. So werden z. B. Orte wie Unterführungen oder Parkanlagen von manchen Gruppen aus Furcht vor körperlichen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt gemieden.