Stillen (kurz:erklärt)

Stillen bezeichnet die Praxis des Ernährens eines Säuglings, meist durch die weibliche Brust. Neben dem stillenden Elternteil und dem Säugling ist auch das nicht stillende Elternteil Teil dieser Praxis, die sich häufig in der privaten Sphäre der Familie abspielt. Stillen als Praxis ist eng an die heteronormative Rollenverteilung Vater – Mutter geknüpft, weshalb in diesem Rahmen auch geschlechtsspezifische Vorstellungen von Vater- und Mutterschaft zum Tragen kommen.

Erst ab dem 20. Jahrhundert dominierte das Stillen durch eine biologische Mutter; zuvor kamen lange Zeit auch Ammen, Tiermilch und Breiprodukte zum Einsatz. Im Zuge der Moderne wurde die stillende Mutter symbolisch aufgeladen, wie beispielsweise in der NS-Zeit als Ideologieträgerin, oder in Kampagnen für Muttermilchersatzprodukte, die sie als progressive Figur stilisierten. Auch in feministischen Debatten ist Stillen ein umkämpftes Thema. Hier werden z.B. Fragen nach der Wertschätzung von Mutterschaft als Sorgearbeit oder der gleichberechtigten Verteilung von Erziehungsarbeit diskutiert. In der medizinisch-psychologischen Debatte, als auch von Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), werden die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für Säugling und Mutter betont. In der Forschung wird jedoch kritisiert, dass es kaum gesichertes Wissen über die Wirkweise von Muttermilch gebe. Vor diesem Hintergrund werden die individuellen Erfahrungen von stillenden Müttern untersucht, wobei das Stillen zunehmend als eine Praxis angesehen wird, die nicht natürlich ist, sondern erst erlernt werden muss.

Stillen ist zudem aus psychologischer Sicht wichtig zum Aufbau einer stabilen Mutter-Kind-Bindung, denn für das nicht stillende Elternteil ist es schwieriger, eine Bindung aufzubauen. Dass die Praxis des Stillens einen weiblichen Körper voraussetzt, kann dabei dazu führen, dass sich traditionelle Geschlechterordnungen verstetigen. Es lassen sich aber auch gleichberechtigte Strategien aufzeigen, wie etwa das Füttern abgepumpter Babymilch oder die Präsenz des nicht stillenden Elternteils während des Stillens.